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Wirtschaftswoche e-Business.

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Die ErstausgabeDas kurzlebige Blatt “Wirtschaftswoche e-Business” aus dem Hause Handelsblatt wollte “das Magazin für Investitionsentscheider und alle an der Internetwirtschaft Interessierten” sein. Das vierzehntägliche Heft mit dem Untertitel “Das Magazin für die Internet-Wirtschaft” richtete sich vor allem an Entscheider in der so genannten “True Economy”. Chefredakteur Gregor Neumann zum Start der Zeitschrift im März 2001: “‘Wirtschaftswoche e-Business’ ist kein herkömmliches New-Economy-Magazin – es informiert über die neuesten Trends in der Internetwirtschaft, analysiert E-Business-Strategien und berichtet über praktische Erfahrungen der Unternehmen mit neuen Informationstechnologien.” Die garantierte, verbreitete Auflage betrug 50.000 Exemplare. Laut Editorial in der Premierenausgabe arbeitete “eine 50 Köpfe starke Redaktion” beim Münchner E-Business-Ableger der “Wirtschaftswoche”. Jeden zweiten Montag wollte das Team seine Leser “über alles informieren, was Sie wissen müssen, um den Wandel in der Unternehmenswelt aktiv mit zu gestalten”

Das Titelthema der ersten 148-seitigen Ausgabe lautete “Bit für Bit. Digitale Unternehmen. Old und New Economy verschmelzen. Jetzt erst beginnt das E-Business. Der Wandel löst eine Revolution aus”. Ansonsten gab’s unter anderem einen Artikel über die Softwareschmiede Intershop (“Auf Eis gelegt”) samt Interview mit Intershop-Boss Stephan Schambach und ein Porträt über Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina (“Zurück zur Garage”). Originell war diese Themenauswahl nicht. Die Abgrenzung vom Mutterblatt gelang damit ebenfalls nicht. Aufgeteilt war das Heft in die Ressorts “eNews” (Nachrichten), “ePeople (Infos über Manager und die Leute hinter den Kulissen), “eVision” (die Zukunft), “eTools” (Technologien, Produkte, Marktanalysen) und zum Abschluss “eLiving” (Nutzwert pur). Das Herzstück des Blattes bildete das Ressort “eTools”.

Bereits vor dem Start sorgte das Internet-Wirtschaftsblatt mit dem Arbeitstitel “San Francisco” für Unmut in der Verlagsgruppe Handelsblatt. Nach einem Bericht des “kressreport” blieben die Entwürfe “von Chefredakteur Gregor Neumann und seiner Mannschaft meilenweit hinter den Verlagserwartungen zurück. Altbackene Themen und eine einfallslose Optik haben das Projekt haarscharf am Rande des Scheiterns vorbeischrammen lassen”. “Wirtschaftswoche”-Chefredakteur Stefan Baron schickte daraufhin ein fast 15-köpfiges Team von “WiWo”-Redakteuren nach München, um der überforderten Mannschaft unter die Arme zu greifen. An dieser Überforderung war die Verlagsgruppe Handelsblatt aber teilweise selbst schuld. Ende 2000, als “e-Business” Gestalt annahm, war es kaum möglich, geeignete Redakteure zu finden. Der Markt war quasi leergefegt. “Es gibt zu wenige Wirtschaftsjournalisten mit Magazin-Erfahrung, das tut uns richtig weh”, klagte Neumann damals im “Tagesspiegel”.

Zur Aufbesserung der ersten Ausgaben von “Wirtschaftswoche e-Business” wanderten deswegen “Geschichten, die ursprünglich für das Düsseldorfer Mutterblatt vorgesehen waren” (kressreport) in das neue Blatt. Was auch die fehlende Angrenzung zwischen den beiden Titeln erklärt. Vielleicht hätte die Lage anders ausgesehen, wenn “e-Business” nicht vierzehntäglich erschienen wäre, sondern wie ursprünglich geplant monatlich. Der Aufsichtsrat der Verlagsgruppe Handelsblatt witterte aber das große Anzeigengeschäft und entschied sich deswegen für ein vierzehntägliches Magazin.

Die letzte Ausgabe Nach eigenen Angaben setzte der Verlag von den ersten neun Ausgaben zwischen 25.000 und 30.000 Exemplare ab. Damit lag “e-Business” angeblich über den internen Erwartungen der Verlagsgruppe. Auch mit der Anzeigenentwicklung waren die Macher zunächst zufrieden: “Vom Start weg konnte das Magazin laut Umfanganalyse bis zur Ausgabe 9/2001 einen Anteil von 35,1 Prozent am Anzeigenvolumen bei Internet-Magazinen erobern”. Trotzdem musste Chefredakteur Gregor Neumann bereits Ende April seinen Sessel räumen. Nachfolger wurde Ulrich Pecher, bis dahin Chefredakteur bei “Business 2.0″ aus dem Münchner Future Verlag (Kurz darauf wurde “Business 2.0″ eingestellt).

Vorgänger Neumann sollte sich nur noch um die Website unter www.e-business.de kümmern. “Ich bin ein Stockwerk nach oben gezogen und habe den Online-Auftritt gemacht”, sagt Neumann zu “retromedia.de”. In dieser Position saß Neumann bis zum bitteren Ende im “e-Business”-Boot. Nachdem Neumann den Machtkampf mit “Wiwo”-Boss Baron (dann auch Herausgeber der kleinen Schwester) verloren hatte, griff dieser beim ungeliebten Ableger hart durch: “Gleich acht Mitarbeiter auf einen Streich” setzte Baron wenig später laut “werben & verkaufen” vor die Tür. Der Grund: Die Angestellten, darunter fünf Redakteure, hätten den “hohen Ansprüchen” der Blattmacher nicht genügt.

Den Niedergang von “Wirtschaftwoche e-Business” konnte auch der neue Chef Pecher nicht mehr verhindern. Anfang Juli 2001 stellte die Verlagsgruppe Handelsblatt den Titel nach gerade mal vier Monaten ein. Ursächlich für diese Entscheidung sei das sich stetig verschlechternde und rückläufige Werbevolumen vor allem in der IT-/Investitionsgüterindustrie, erklärte Handelsblatt-Boss Müsse per Pressemitteilung im Juli 2001. Darüber hinaus schlage die extreme Werbezurückhaltung vieler Internetdienstleister zu Buche, die man als Zielkunden noch vor kurzer Zeit wesentlich ergiebiger einschätzen konnte. “Beobachter sprechen dagegen von einem Versagen der Strategen bei Holtzbrinck, der Mutter der Verlagsgruppe Handelsblatt”, schreibt “heise online” zur Einstellung des Magazins: “Das Heft sei in einer Zeit lanciert worden, in der die Krise der New Economy bereits deutlich zu spüren gewesen sei. Die Produktplaner hätten die Prognosen für den Anzeigenmarkt schlicht falsch eingeschätzt”.

Die Nachricht über die Einstellung traf die Redaktion hart. “Erst zum Juli-Beginn hatten wieder neue Redakteure in München angefangen. Weitere Korrespondenten für die Außenbüros waren schon eingekauft. Und noch einen Tag vor der Verkündung diskutierte die Verlagskonferenz umfänglich über das künftige Design der Abo-Bestellkarten”, schrieb der “kressreport” zur Einstampfung des Magazins. Besonders bitter: Rund die Hälfte der Mitarbeiter war noch in der Probezeit. Einige wenige “e-Business”-Redakteure wollte die Verlagsgruppe Handelsblatt bei anderen Titeln unterbringen. Am 2. Juli lag “Wirtschaftswoche e-Business” zum letzten Mal am Kiosk.

Nach “Wirtschaftswoche e-Business” heuerte Chefredakteur Pecher beim Deutschen Sparkassenverlags in Stuttgart an. Seit Juni 2006 ist er geschäftsführender Redakteur bei der “Wirtschaftswoche”, wo er sich in enger Abstimmung mit Chefredakteur Baron um “redaktionelle Querschnittsaufgaben” kümmert. Gregor Neumann entwickelt seit seinem Abschied bei “e-Business” für namhafte Verlage “neue Zeitschriften und Konzepte”.

Daten und Fakten:

Existenz: 12. März 2001 bis 2. Juli 2001
Verlag: Verlagsgruppe Handelsblatt
Segment: Wirtschaftsmagazin
Erscheinungsweise: 14-täglich
Copy-Preis: 5,50 Mark
Chefredakteure: Gregor Neumann (3/2001 – 4/2001); Uli Pecher (4/2001 -7/2001)

Links:

- Pressemitteilung zum Start von “Wirtschaftswoche e-Business”: “Montag ist E-Day / WirtschaftsWoche e-Business, das neue Magazin für die Internet-Wirtschaft, startet
- “Wirtschaftswoche – Experiment beendet” (“manager-magazin.de”)
- “e-Business-Magazin der Wirtschaftswoche am Ende” (“heise Online”)
- “‘E-Business’ – Nichts geht ohne Internet” (“Tagesspiegel”)
- “Internet-Magazin “E-Business” nach vier Monaten eingestellt” (“Welt”)

Recherchequellen dieses Eintrags in alphabetischer Reihenfolge:

heise Online“, “Horizont“, “kressreport“, “manager-magazin.de“, “Tagesspiegel“, “Welt“, “werben & verkaufen

One Comment

  1. Schöner Artikel, danke!

    Was lernen wir daraus?

    Wer zu spät kommt, den bestraft der Leser?

    Wer zu früht kommt, den auch?

    Ein Printmagazin übers Internet ist bullshit?

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