{"id":383,"date":"2004-03-16T12:46:19","date_gmt":"2004-03-16T11:46:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.popkulturjunkie.de\/wp\/?p=383"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T23:00:00","slug":"","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.popkulturjunkie.de\/wp\/?p=383","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Breaking news: Charlotte Roche kriegt endlich einen Grimme-Preis! F\u00fcr die Moderation von &#8220;Fast Forward&#8221;.<\/p>\n<p>Hier die etwas strange Begr\u00fcndung der Jury:<\/p>\n<p>So jung ist der Pop gar nicht. Und so frech, subversiv und ironisch erst recht nicht. So jung wie die Moderatorin ist die popul\u00e4re Kultur nicht, die in ihrer prim\u00e4ren, musikalischen Gestalt bei &#8220;Fast Forward&#8221; \u00fcber den Sender geht. Es ist viel geklaut, kopiert, ererbt in jedem Videoclip, und das kann auch nicht anders sein. Die Durchbrechung der H\u00f6rgewohnheiten im Dreiminutentakt w\u00e4re im Kopf nicht auszuhalten. Trotzdem mu\u00df die Zeremonienmeisterin eines Popmusikdurchlaufs allen Wiederholungen etwas Neues abgewinnen. <\/p>\n<p>Und wie gelingt Charlotte Roche das? Sie f\u00fcgt es aus eigenem Munde hinzu. H\u00e4tten im Mittelalter die Nonnen die Kirchenv\u00e4ter kommentieren d\u00fcrfen, w\u00e4re dabei vielleicht etwas herausgekommen wie die glossa continua der laufenden Musikbilder, zu der Charlotte Roches Ansagen sich summieren. <\/p>\n<p>Unget\u00fcme des Wortwitzes purzeln ihr bisweilen von der Zunge, phantastische Sprachkreaturen, die an die Drachen denken lassen, zu denen sich unter der Hand der m\u00f6nchischen Abschreiber die Gro\u00dfbuchstaben der heiligen Schriften auswuchsen. Und doch ist an Charlotte Roches Randbemerkungen zuerst die Textn\u00e4he zu loben. <\/p>\n<p>Sie greift aus den vor\u00fcberflimmernden Filmchen beil\u00e4ufige Details heraus, die blitzhaft das K\u00fcnstliche der ganzen Popwelt beleuchten und damit zugleich ihr Wundersames erhellen. Wie kann das angehen, da\u00df Million\u00e4re nie ihren sch\u00e4bigen Probenraum gegen ein sauberes Studio eintauschen? Im Pop mag kein Ding unm\u00f6glich sein, aber man wird ja wohl noch einmal nachfragen d\u00fcrfen und ist es seinen Sch\u00f6pfern, die sich bei ihrer Sch\u00f6pfung doch etwas gedacht haben m\u00fcssen, geradezu schuldig &#8211; auch wenn es in der Natur des monologischen Formats von &#8220;Fast Forward&#8221; liegt, da\u00df Charlotte Roche nie eine Antwort bekommen wird. Mit ihrer kindlichen Freude an der Wiedervorlage der uralten Popweltr\u00e4tsel spricht sie Zuschauern aus der Seele, die wissen, da\u00df ihnen in der Heils\u00f6konomie die Rolle des Sch\u00e4fchens, die Funktion des Konsumenten, zugemessen ist, und die gleichwohl nicht f\u00fcr dumm verkauft werden wollen. <\/p>\n<p>Bei dieser ihrer listigen Naivit\u00e4t handelt es sich nun nicht um eine Pose selbstherrlicher Distanz, wie sie in j\u00fcngst vergangener Zeit in der \u00c4sthetik jenseits der Musik als Leitbild der Popkultur gepflegt wurde. Charlotte Roche betet nichts nach. <\/p>\n<p>Betet sie auch niemanden an? Sie waltet eines liturgischen Amtes, f\u00fcr das man Begeisterung mitbringen mu\u00df. Es gibt ein Mysterium im Herzen des L\u00e4rms. Ihr Spott ist eine Form der Hingabe, die Ketzerei ihre Art der Verehrung. Kollegen von Hochkultursendungen sollten sich ein Beispiel nehmen an solcher Geistesgegenwart, die sich alle Freiheit der Welt nehmen kann, weil sie das Gewicht ihrer Gegenst\u00e4nde stillschweigend voraussetzt. Die religionssoziologische Metapher ist hier einmal tats\u00e4chlich am Platz: Kein Wunder, da\u00df &#8220;Fast Forward&#8221; Kult ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Breaking news: Charlotte Roche kriegt endlich einen Grimme-Preis! F\u00fcr die Moderation von &#8220;Fast Forward&#8221;. Hier die etwas strange Begr\u00fcndung der Jury: So jung ist der Pop gar nicht. Und so frech, subversiv und ironisch erst recht nicht. 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