{"id":611,"date":"2004-06-11T19:59:54","date_gmt":"2004-06-11T18:59:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.popkulturjunkie.de\/wp\/?p=611"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T23:00:00","slug":"","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.popkulturjunkie.de\/wp\/?p=611","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Der 11. Juni 1974. Ein Dienstag. Um 21.41 Uhr erblickt (wahrscheinlich schreiend) im Kreiskrankenhaus im nieders\u00e4chsischen Provinzst\u00e4dtchen Uelzen ein kleiner popkulturjunkie das Licht der Welt. Viel ist nicht passiert an diesem Dienstag. Der Bundestag beschloss die Erh\u00f6hung der Beamtengeh\u00e4lter um 11%, im Tschad \u00fcbergab ein Bonner Ministerialbeamter Rebellen 2 Mio. Mark f\u00fcr die Freilassung des 52 Tage zuvor verschleppten Arztes Christoph Staewen und in Frankfurt wurde Joao Havelange FIFA-Pr\u00e4sident. In Deutschland steht &#8220;waterloo&#8221; von Abba, die damit kurz zuvor den Eurovision Song Contest gewonnen hatten, an der Spitze der Charts. In England hei\u00dft die Nummer 1 &#8220;sugar baby love&#8221; von den Rubettes und in den USA liegt &#8220;band on the run&#8221; von Paul McCartney &#038; Wings vorn. Aber der 11. Juni 1974 &#8211; das war nur ein zuf\u00e4lliger Tag. Wie war 1974? Wor\u00fcber haben die Menschen geredet? Wie war die Zeit, in die ich hineingeboren wurde?<\/p>\n<p>Am 13. Februar wird der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn aus der UdSSR ausgewiesen und nach Frankfurt am Main geflogen. Der deutsche Bundestag ratifiziert am 20. Februar den Atomsperrvertrag. Am 6. April gewinnt Abba mit &#8220;waterloo&#8221; den Eurovision Song Contest und am 25. April wird der Kanzler-Spion G\u00fcnter Guillaume enttarnt. Bevor Brandt am 6. Mai als Bundeskanzler zur\u00fccktritt, f\u00fchrt im April in Portugal die Nelkenrevolution zur Einf\u00fchrung der Demokratie und am 2. Mai er\u00f6ffnen die st\u00e4ndigen Vertretungen der BRD und der DDR in Ost-Berlin und Bonn. Am 15. Mai wird Walter Scheel Bundespr\u00e4sident und am 16. Mai Helmut Schmidt Bundeskanzler. Zwei Tage sp\u00e4ter, am 18. Mai z\u00fcndet Indien die erste Atombombe und wird damit das sechste Land, das \u00fcber Atomwaffen verf\u00fcgt. Am 17. Juni explodiert eine IRA-Bombe in den Londoner Houses of Parliament und besch\u00e4digt Westminster Hall. Am 7. Juli gewinnt Deutschland die Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft im eigenen Land und am 8. August tritt Richard Nixon wegen der Watergate-Aff\u00e4re als US-Pr\u00e4sident zur\u00fcck. Der 30. Oktober: der Rumble in the Jungle. Muhammad Ali schl\u00e4gt in Kinshasa George Foreman K.O. und ist Box-Weltmeister im Schwergewicht. Am 29. November wird Ulrike Meinhof zu acht Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Die T\u00fcrkei besetzt 1974 den Nordteil Zyperns. Und in Hamburg wird der neue Elbtunnel er\u00f6ffnet. Au\u00dfer dem kleinen nieders\u00e4chsischen popkulturjunkie werden auch ein paar bekannte Leute im Jahr 1974 geboren: Kate Moss am 16. Januar, Robbie Williams am 13. Februar, Christiane Paul am 8. M\u00e4rz, Victoria Beckham am 17. April, Pen\u00e9lope Cruz am 28. April, Alanis Morissette am 1. Juni, Franka Potente am 22. Juli, Carsten &#8220;Fu\u00dfballgott&#8221; Jancker am 28. August, Sven Hannawald am 9. November und Leonardo DiCaprio am 11. November. Gestorben sind 1974 am 24. Mai Duke Ellington, am 29. Juli Erich K\u00e4stner, am 26. August Charles Lindbergh, am 9. November RAF-Terrorist Holger Meins und am 2. Dezember Max Weber. Ein durchaus spannendes Jahr also. Jetzt aber zu den wirklich wichtigen Dingen &#8211; zur Popkultur. Welche Musik haben die Leute damals geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Tim Page, Pulitzer-Preis-ausgezeichneter Musik-Kritiker (&#8220;New York Times&#8221;, &#8220;Washington Post&#8221;,&#8230;) hat das Jahr 1974 mal als &#8220;worst year in pop music&#8221;. &#8220;Without doubt&#8221; wie er hinzuf\u00fcgt. Aber was sollte das Jahr 1974 auch machen? Die Beatles hatten sich aufgel\u00f6st, der Summer of Love war auch l\u00e4ngst vorbei. Punk Rock und die Disco-Revolution noch Zukunftsmusik. Und so wurde aus 1974 das Jahr des weichgesp\u00fclten Souls und des Schmalz-Pops. Gl\u00fccklicherweise muss man dieses &#8220;worst year in pop music&#8221; nicht noch einmal erleben. Gl\u00fccklicherweise kann man sich r\u00fcckblickend die Perlen herauspicken. Und Perlen, die gab es trotzdem. Ohne Zweifel.<\/p>\n<p>Anfangen darf man bei einer solchen Perlen-Herauspickerei allerdings nur sehr bedingt in den Charts. In den deutschen Jahrescharts 1974 liegt George McCrae vorn. Mit seinem S\u00e4usel-Soul &#8220;rock your baby&#8221;. Auf Platz 2 das heutzutage nur unter starkem Drogeneinfluss zu ertragene &#8220;sugar baby love&#8221; von den Rubettes. Rang 3: &#8220;seasons in the sun&#8221; von Terry Jacks &#8211; gerade noch okay. Und auf Platz 4 der Hammer: &#8220;Theo, wir fahr&#8217;n nach Lodz&#8221; von Vickey Leandros. H\u00e4tte Musik-Kritiker Page die deutsche Sangeskunst des Jahres 1974 gekannt &#8211; er h\u00e4tte sich best\u00e4tigt gef\u00fchlt. Denn weiter hinten kommen weitere dieser Kracher: Chris Roberts &#8211; &#8220;du kannst nicht immer 17 sein&#8221;, Gunter Gabriel &#8211; &#8220;hey boss ich brauch&#8217; mehr geld&#8221; und Nina &#038; Mike mit &#8220;fahrende musikanten&#8221;. Nicht viel besser die englischen Jahres-Charts: das seltsame &#8220;tiger feet&#8221; von MUD, wieder &#8220;seasons in the sun&#8221; von Terry Jacks und das extrem peinliche &#8220;billy, don&#8217;t be a hero&#8221; von Paper Lace auf den ersten R\u00e4ngen. Schlimmer geht&#8217;s nicht mehr? Doch! Amerika! Platz 1: Barbra Streisand &#8211; &#8220;the way we were&#8221;, Platz 2 &#8220;seasons in the sun&#8221; und Platz 3 &#8220;love&#8217;s theme&#8221; von Love Unilimted Orchestra.<\/p>\n<p>Gehen wir also schnell raus aus den Charts. Denn was sagen die Charts schon \u00fcber gute Musik aus? Damals wie heute: Nichts. 1974 gab es zum Beispiel die Band Big Star, die heute kaum noch jemand kennt, die aber viele viele Bands nach ihr beeinflusst hat. Placebo haben \u00fcbrigens den wundersch\u00f6nen Big-Star-Titel &#8220;holocaust&#8221; gecovert. 1974 erschien Big Stars Album &#8220;radio city&#8221; und drauf war &#8220;september gurls&#8221;. Ein Song, der auch heute von irgendeiner Retro-Rock-Band ver\u00f6fentlicht werden k\u00f6nnte, ohne dass er alt klingt. Oder David Bowie. Einer seiner Songs aus 1974 ist &#8220;rebel rebel&#8221;. Auch heute noch ein Knaller. Ich pers\u00f6nlich finde ja auch, dass Billy Joels &#8220;piano man&#8221; aus dem Jahr 1974 in alle ewigen Bestenlisten geh\u00f6rt. Oder Supertramps &#8220;dreamer&#8221;. Ebenfalls aus 1974: &#8220;kung fu fighting&#8221; von Carl Douglas. &#8220;Kill Bill&#8221;-Fans werden es kennen. Charles Aznavour stand 1974 hoch in den englischen Charts mit &#8220;she&#8221;. Ein Song, der zugegebenerma\u00dfen erst 1999 richtig h\u00f6rbar wurde, als Elvis Costello ihn f\u00fcr den Film &#8220;Notting Hill&#8221; veredelte. Eric Clapton mit &#8220;i shot the sheriff&#8221;, Gloria Gaynor mit &#8220;never can say goodbye&#8221; und Golden Earring mit &#8220;radar love&#8221;. Alles auch heute noch h\u00f6rbar. Harry Chapins &#8220;cats in the cradle&#8221;, die Lynyrd-Skynyrd-St\u00fccke &#8220;free bird&#8221; und &#8220;sweet home alabama&#8221; oder &#8220;killer queen&#8221; von Queen. Nicht zu vergessen das verr\u00fcckt-gute &#8220;this town ain&#8217;t big enough for both of us&#8221; von den Sparks. Und sogar Vision\u00e4res gab es 1974: Kraftwerk ver\u00f6ffentlichten die &#8220;autobahn&#8221;-EP und Patti Smith schrieb mit &#8220;hey joe&#8221; den nach Meinung einiger Musikhistoriker ersten Punkrock-Song. Also: so schlimm war 1974 doch gar nicht. Vielleicht tats\u00e4chlich nicht das beste Jahr, aber ganz okay, um im Kreiskrankenhaus im kleinen nieders\u00e4chsischen Provinzst\u00e4dtchen Uelzen geboren zu werden und fortan die Welt zu durchsuchen &#8211; nach der wirklich guten Musik&#8230;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Deutscher Meister ist 1974 der FC Bayern geworden. Wer auch sonst :-)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 11. Juni 1974. Ein Dienstag. Um 21.41 Uhr erblickt (wahrscheinlich schreiend) im Kreiskrankenhaus im nieders\u00e4chsischen Provinzst\u00e4dtchen Uelzen ein kleiner popkulturjunkie das Licht der Welt. Viel ist nicht passiert an diesem Dienstag. Der Bundestag beschloss die Erh\u00f6hung der Beamtengeh\u00e4lter um 11%, im Tschad \u00fcbergab ein Bonner Ministerialbeamter Rebellen 2 Mio. 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