{"id":4886,"date":"2016-06-24T10:57:09","date_gmt":"2016-06-24T09:57:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.popkulturjunkie.de\/wp\/?p=4886"},"modified":"2016-06-24T10:57:09","modified_gmt":"2016-06-24T09:57:09","slug":"ungeordnete-gedanken-zu-brexit-rechtspopulismus-und-irgendwie-auch-zur-zukunft-der-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.popkulturjunkie.de\/wp\/?p=4886","title":{"rendered":"Ungeordnete Gedanken zu Brexit, Rechtspopulismus und irgendwie auch zur Zukunft der Menschheit"},"content":{"rendered":"<p>Ich ringe schon seit vielen Monaten mit mir, irgendwie mal meine Gedanken zur aktuellen Entwicklung in Deutschland, Europa und der Welt aufzuschreiben. Ich kann die Gedanken nicht richtig ordnen, aber ich schreibe jetzt einfach. Jetzt, wo ein Teil Gro\u00c3\u0178britanniens beschlossen hat, nicht mehr zur EU geh\u00c3\u00b6ren zu wollen.<\/p>\n<p>Ich als Vater zweier toller kleiner S\u00c3\u00b6hne mache mir oft &#8211; vielleicht zu oft &#8211; viele Gedanken dar\u00c3\u00bcber, wie das alles weiter gehen soll. \u00c3\u0153berall in Europa w\u00c3\u00a4chst die Zustimmung f\u00c3\u00bcr Rechtspopulisten und Rassisten, Kleinstaaterei scheint wieder im Aufwind zu sein, der Ton in den politischen Debatten ist zum Teil nicht mehr zu ertragen. Mir macht das in d\u00c3\u00bcsteren Stunden Angst. Doch in meinen hellen Stunden sage ich mir: Nein, Jens, hab keine Angst. Denn meiner Meinung nach ist das, was da in vielen L\u00c3\u00a4ndern Europas &#8211; und der Welt &#8211; gerade passiert, der letzte Kampf der Abgeh\u00c3\u00a4ngten, Alten und Angsthasen gegen die globale Zukunft, die f\u00c3\u00bcr viele Menschen zu schnell gekommen ist.<\/p>\n<p>Die Probleme der Menschheit sind doch ganz andere als irgendwelche Grabenk\u00c3\u00a4mpfe um die Verteilung des Wohlstands. Die Digitalisierung, aber auch die Fortschritte in der Wissenschaft stellen die Menschheit noch vor solch gigantische Herausforderungen, von denen die meisten noch gar nichts ahnen. Wie viel Macht geben wir Maschinen? Wo ziehen wir Grenzen bei der Erschaffung von Leben? Um nur zwei solcher Fragen zu nennen. Klar ist f\u00c3\u00bcr mich aber: Diese Herausforderungen lassen sich von einzelnen kleinen Staaten nicht mehr bew\u00c3\u00a4ltigen. Sie m\u00c3\u00bcssen auf weitaus h\u00c3\u00b6heren Ebenen diskutiert werden.<\/p>\n<p>Doch viele Menschen interessiert es derzeit offenbar mehr, dass ein paar andere Menschen aus fernen L\u00c3\u00a4ndern nach Deutschland kommen. Sie haben Angst. Angst davor, etwas von ihrem Wohlstand abzugeben, Angst davor, dass ihre Kinder geklaut werden und ihnen die K\u00c3\u00b6pfe durchgeschnitten werden. Das sind nat\u00c3\u00bcrlich alles v\u00c3\u00b6llig irrationale \u00c3\u201engste. Doch Angst kann man schlecht mit Argumenten begegnen. Sie kann eigentlich nur mit positiven Erfahrungen bek\u00c3\u00a4mpft werden. In vielen s\u00c3\u00a4chsischen D\u00c3\u00b6rfern gibt es l\u00c3\u00a4ngst keine Proteste mehr gegen Fl\u00c3\u00bcchtlinge, jetzt wo sie da sind und klar wird, dass es einfach nur Menschen sind, die Hilfe suchen.<\/p>\n<p>Die \u00c3\u201engste der Menschen &#8211; das ist aber das, was mich fertig macht. Weil sie so schwer einzusch\u00c3\u00a4tzen sind und niemand sagen kann, wie sich diese \u00c3\u201engste multiplizieren. In Gro\u00c3\u0178britannien haben die \u00c3\u201engste das eigentliche Thema &#8211; den Austritt aus der EU &#8211; v\u00c3\u00b6llig \u00c3\u00bcberlagert. Den Rechten um Nigel Farage ist es gelungen, das Migrations-Thema so aufzubauschen, dass es f\u00c3\u00bcr viele v\u00c3\u00b6llig klar war, dass Gro\u00c3\u0178britannien von Fremden \u00c3\u00bcberrannt wird, wenn es in der EU bleibt. Und die EU-Bef\u00c3\u00bcrworter haben viel zu wenig auf Emotionen gesetzt &#8211; haben all das, was Europa seit dem zweiten Weltkrieg erreicht hat, ausgeblendet und nur mit irgendwelchen abstarken \u00c3\u00b6konomischen Daten argumentiert. Wenn man den ersten Zahlen glaubt, so haben vor allem die Alten f\u00c3\u00bcr den Brexit gestimmt. Bei den Unter-25-J\u00c3\u00a4hrigen haben hingegen \u00c3\u00bcber 70% f\u00c3\u00bcr die EU gestimmt. Hier zeigt sich: Die Alten verbauen den Jungen eine Zukunft, mit der sie (die Alten) nichts mehr zu tun haben werden.<\/p>\n<p>Ohnehin ist das Referendum f\u00c3\u00bcr mich ein klares Beispiel f\u00c3\u00bcr die Grenzen der Demokratie. So sehr ich Demokrat bin, so sehr bin ich aber auch Anh\u00c3\u00a4nger der parlamentarischen Demokratie. Ein so unfassbar hoch-komplexes Thema wie die Mitgliedschaft in der EU von der &#8220;Oma vom Dorf&#8221; entscheiden zu lassen, ist ein Fehler. Schon gestern abend war in der BBC vielerorts zu h\u00c3\u00b6ren, dass viele Briten das Referendum genutzt haben, um &#8220;dem Establishment&#8221; und der Regierung eine reinzuw\u00c3\u00bcrgen. Platter Protest statt Abstimmung \u00c3\u00bcber ein konkretes Thema &#8211; mit einer so dramatischen Folge.<\/p>\n<p>Dramatisch wird der Brexit meiner Meinung nach gar nicht so sehr f\u00c3\u00bcr die EU. Hoffentlich wird hier nun die Erkenntnis da sein, dass sich Europa weiter entwickeln muss, damit es wieder mehr Menschen mitnehmen und begeistern kann. Gro\u00c3\u0178britannien hingegen ist \u00c3\u00bcber Nacht von einem United Kingdom zu einem Divided Kingdom geworden. Nicht nur zwischen Alt und Jung gibt es einen riesigen Graben, sondern auch zwischen den Regionen. Schottland will in der EU bleiben und Nordirland auch. Das ist ohnehin ein Aspekt, an den viele nicht gedacht haben: Sollen zwischen Irland und Nordirland nach all den Jahrzehnten B\u00c3\u00bcrgerkrieg nun wieder Mauern hochgezogen werden? Gro\u00c3\u0178britannien steht vor gigantischen Herausforderungen &#8211; \u00c3\u00bcberspitzt gesagt, weil einige Rentner aus der Provinz Angst vor Fremden und dem Verlust ihres Wohlstandes haben. Und es den EU-Bef\u00c3\u00bcrwortern nicht gelungen ist, diese \u00c3\u201engste abzubauen.<\/p>\n<p>So ein Riss geht aber nat\u00c3\u00bcrlich nicht nur durch die britische Gesellschaft. Auch hier in Deutschland ist eine Partei wie die AfD inzwischen bei 15% angekommen &#8211; im Vergleich zu anderen L\u00c3\u00a4ndern noch ein sehr harmloser Wert. Und immer wieder basieren diese Entwicklungen auf \u00c3\u201engsten. Ich glaube aber, dass es &#8211; wie eingangs erw\u00c3\u00a4hnt &#8211; das letzte Aufb\u00c3\u00a4umen vieler vor dem Fortschritt ist. Das Internet hat das Leben vieler Menschen extrem beschleunigt, die meisten Arbeitspl\u00c3\u00a4tze sind von der Digitalisierung betroffen. Und dann kommen auch noch viele Fremde ins eigene Land. Zu einem gro\u00c3\u0178en Teil ist es daher v\u00c3\u00b6llig verst\u00c3\u00a4ndlich, dass diese irrationalen \u00c3\u201engste vor der Zukunft in den Menschen hoch kommen. Sie haben sich in Jahrzehnten voller Frieden einen gewissen Wohlstand erarbeitet, ein ruhiges Leben &#8211; und wollen das alles nun nicht verlieren.<\/p>\n<p>Das Ergebnis in Gro\u00c3\u0178britannien zeigt aber, dass die n\u00c3\u00a4chste Generation anders tickt: Wir &#8211; ich z\u00c3\u00a4hle mich mit meinen 42 Jahren jetzt einfach noch dreist zu dieser jungen Generation &#8211; sind aufgewachsen mit Computern, mit schnellem Fortschritt, mit Arbeitspl\u00c3\u00a4tzen, auf denen man nicht mehr 30 Jahre hocken bleibt &#8211; und mit Migranten \u00c3\u00bcberall in der Nachbarschaft. Es ist ja kein Wunder, dass Untersuchungen zeigen, dass die Angst vor Fremden \u00c3\u00bcberall dort am gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178ten ist, wo es keine Fremden gibt. Wir leben in dieser Gegenwart mit diesem Tempo, in der alte Denkmuster nicht mehr funktionieren und man von Tag zu Tag schauen muss, wie sich die Welt schnell weiter entwickelt. Und wir leben alles in Allem gut in dieser Welt.<\/p>\n<p>Damit diejenigen, die sich abgeh\u00c3\u00a4ngt f\u00c3\u00bchlen, von ihren \u00c3\u201engsten befreit werden, helfen keine Beschimpfungen und Belehrungen. Wie gesagt: Gegen fest gefahrene \u00c3\u201engste helfen keine Argumente, sondern eher eine langfristige Therapie. F\u00c3\u00bcr diese Therapie muss zum einen die Politik sorgen, in dem viel mehr noch als bisher auf soziale Gerechtigkeit und eine Verteilung des Wohlstands und Fortschritts gesetzt wird. Zum anderen aber auch wir jungen urbanen Typen, die oftmals auch nur noch schimpfen auf diejenigen, die nicht in ihren Denkweisen denken. Wir m\u00c3\u00bcssen mithelfen, damit die gespaltenen Gesellschaften wieder zusammen wachsen. Wie genau kann ich auch gerade noch nicht sagen, aber es wird viel auf Kommunikation ankommen. Und wahrscheinlich hilft vielen, die sich abgeh\u00c3\u00a4ngt f\u00c3\u00bchlen, sogar schon schnelles Internet auf dem Dorf, was ich nicht als Scherz meine.<\/p>\n<p>Wir, die aktuell junge Generation, m\u00c3\u00bcssen daf\u00c3\u00bcr sorgen, dass der Fortschritt m\u00c3\u00b6glichst viele mitnimmt, m\u00c3\u00bcssen daf\u00c3\u00bcr sorgen, dass \u00c3\u201engste abgebaut werden &#8211; vor Fremdem, Neuem und Schnellem. Das k\u00c3\u00b6nnen wir nicht allen &#8220;der Politik&#8221; \u00c3\u00bcberlassen. Zum anderen m\u00c3\u00bcssen wir aber auch aufpassen &#8211; und da rede ich jetzt auch als Journalist &#8211; dass &#8220;das Internet&#8221; und &#8220;die Medien&#8221; nicht die n\u00c3\u00a4chste Generation versauen und neben den Alten eine weitere Generation zu Angsthasen machen. Denn wie manch eigentlich seri\u00c3\u00b6se Medienmarke inzwischen wegen der Jagd nach jedem bl\u00c3\u00b6den Klick viel zu oft aus Alarmismus, Populismus und Verk\u00c3\u00bcrzung setzen statt auf seri\u00c3\u00b6se, aber auch verst\u00c3\u00a4ndliche Informationen &#8211; das ist zum Teil sehr bedenklich. Insbesondere ein Zeiten, in denen sich viele nur noch mit geteilten Headlines bei Facebook informieren.<\/p>\n<p>Das ist jetzt alles sehr lang geworden und wahrscheinlich liest es eh kaum jemand, aber ich musste es mir einfach von der Seele schreiben. Denn ich will weiter in einem freien Europa ohne Grenzen leben, in dem ich keinen Pass brauche, kein Geld umtauschen muss &#8211; und vor allem: in dem ich keine Angst vor Kriegen haben muss. Und davor, dass meine beiden S\u00c3\u00b6hne solche erleben m\u00c3\u00bcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich ringe schon seit vielen Monaten mit mir, irgendwie mal meine Gedanken zur aktuellen Entwicklung in Deutschland, Europa und der Welt aufzuschreiben. Ich kann die Gedanken nicht richtig ordnen, aber ich schreibe jetzt einfach. Jetzt, wo ein Teil Gro\u00c3\u0178britanniens beschlossen hat, nicht mehr zur EU geh\u00c3\u00b6ren zu wollen. 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