charts-kritik: 6. juli 2007.

Gerade noch rechtzeitig, bevor die neuen Charts offiziell veröffentlicht werden: Hier sind die (16!) New-Entries der deutschen Singlecharts vom 6. Juli 2007. Brunner & Brunenr fehlen in der YouTube-Playlist – von denen gibt’s zum Glück kein Video:
100: Eisregen – “eine erhalten”

Na das fängt ja gut an. Was zur Hölle ist das? Offiziell soll Eisregen eine thüringische Dark-Metal-Band sein. Doch das hier ist eher eine Art Karnevals-Metal-Schlager für Masochisten. Darf ich kurz einen Kommentar bei YouTube zu dem Song zitieren? “naja, zum saufen find ichs wirklich geil” Dem ist nichts hinzuzufügen. 0 von 10 Punkten.

92: Ken feat. Fatman Scoop – “talk 2 me”

Wem der junge Herr, der hier dahinsingt, irgendwie bekannt vorkommt – es ist einer der ehemaligen Overground-Jüngelchen, die sich ja nach “Popstars” extrem schnell wieder aufgelöst haben. Mit “talk 2 me” bekommt er nun – verstärkt durch einen unfassbar nervigen Pseudo-Rapper – eine Solo-Chance mit einer Coverversion. Platz 92 sind das miserable Ergebnis und so dürfte nach Overground wohl auch die Solo-Karriere schnell wieder zu Ende gehen. Wirklich schade drum ist es nicht. 2 von 10 Punkten.

88: Brunner & Brunner – “wir sind ein feuerwerk”

Oh Gott. Wenn die alten Schlagersäcke Brunner & Brunner sogar wieder in die Singlecharts einsteigen, wird es wirklich höchste Zeit, dass Download-Only-Singles endlich für die Charts zählen und solchen Mist verdrängen. 0 von 10 Punkten.

78: Selina – “dein tag”

Selina ist eine 14-Jährige, die bereits bei einem Ki.Ka-Talentwettbewerb in Erscheinung getreten ist und nun ihre erste Single veröffentlicht hat. Ihr Song klingt wie ein Mix aus Silbermond, Jeanette Biedermann und Kinderlied. Frau Biedermann soll auch irgendwie ihre Finger in dem Song gehabt haben. Für ihre 14 Jahre kann die junge Dame zwar recht gut singen, doch vom Hocker reißt das Pop-Nümmerchen keineswegs. 3 von 10 Punkten.

69: Tocotronic – “kapitulation”

Endlich. Musik. Tocotronic haben dankenswerterweise auch eine Maxi-CD auf den Markt geschmissen und nicht nur einen Download. So gibt es eine sehr schöne Charts-Platzierung und für mich einen Grund, tief in die Punktekiste zu greifen. “kapitulation” ist nämlich ein überaus gelungener Song von einem noch weitaus gelungeneren Album. Kaufen, hört ihr? Kaufen! 8 von 10 Punkten.

67: Fall Out Boy – “thnks fr th mmrs”

Seltsam. Irgendwie dachte ich, der Song sei längst in die Charts eingestiegen, aber womöglich hab ich ihn auch wieder nur mit einer My-Chemical-Romance-Nummer verwechselt. “thnks fr the mmrs” (Macht man das so in SMS-Zeiten?) ist aber ein durchaus unterhaltsamer Poprocksong mit netter Melodie, gelungenem Spannungsbogen und hübscher Instrumentierung. Gefällt mir gut, das. 7 von 10 Punkten.

65: Mark Ronson feat. Daniel Merriweather – “stop me”

Diesen Knaller hatte ich ja schonmal an anderer Stelle in höchsten Tönen gelobt. Mark Ronson, ein britischer DJ, hat ein ganzes Album mit Coverversionen aufgenommen, mit jeder Menge prominenter Helfer wie Lily Allen, Amy Whitehouse, Paul Smith, Robbie Williams und Kasabian. Auch wenn die Platte richtig gut ist, “stop me” ragt weiterhin heraus. Jeder andere hätte aus dem Smiths-Original wahrscheinlich eine mittlere Katastrophe geschnitzt, Ronson hingegen hat daraus ein unfassbar gutes Stück Tanzmusik gemacht, wie es nur ein Brite produzieren kann. 9 von 10 Punkten.

64: Within Temptation – “frozen”

Puh. Wie anstrengend. Anstatt eines weiteren Within-Temptation-Songs, der so klingt wie die 83 vorigen, hat die Band anscheinend ihren Stil geändert. Alle Ecken und Kanten, die überhaupt vorhanden waren, wurden weggesäbelt, langweiligster Pop blieb übrig. Die Dame am Mikro singt nun wie Tausende andere, die Band hat ihren Pomp aufgegeben. Ich mochte Within Temptation ohnehin nicht wirklich, jetzt aber erst recht nicht mehr. 3 von 10 Punkten.

41: Lucky Twice – “lucky”

Das ist eine dieser Nummern, die man schon tausendmal gehört hat, sich aber nicht erinnert, wo das war. Man hört kein Radio, kaum noch Musikfernsehen und doch hat sich diese skandinavische Europopnummer ins Unterbewusstsein gebohrt. Zugegebenermaßen gehört “lucky” nicht zu den schlechtesten Vertretern des Genres. Es ist keine 70er-Coverversion, einfach eine unspektakuläre Sommerdancenummer. Und jetzt fällt es mir auch wieder ein: Ich glaube, der Song ist die Titelmelodie zur ProSieben-Doku-Soap “Gülcans Traumhochzeit”. Müsste ja eigentlich Punktabzug geben, sowas. Aber egal, der Song bleibt trotzdem irgendwie nett. 5 von 10 Punkten.

40: Mutya Buena – “real girl”

Die Sugababes waren ja am Anfang mal etwas Besonderes, Anderes. Dieses Solo-Debüt des Ex-Sugababes Mutya Buena ist hingegen alles andere als besonders. Der gesamte Song basiert auf einem weltberühmten Sample aus “it ain’t over til it’s over” von Lenny Kravitz und der Gesang nervt zusehends durch seine Hektik. Schade, Chance verpasst. 4 von 10 Punkten.

35: Lumidee feat. Pitbull – “crazy”

Was soll man eigentlich von einer Sängerin erwarten, die mal einen Song mit einem Unterhosen-losen Kamel-Löwen namens Goleo aufgenommen hat? Nicht viel, wie es scheint. Dieses uninspirierte Stück RnB von der Stange ist an Langeweile kaum zu überbieten. Genau dann, wenn man den 08/15-Rapper erwartet, kommt er, genau dann, wenn man einen Tempowechsel erwartet, kommt er. Bleibt mir weg mit solchem Schmonz. 2 von 10 Punkten.

32: Cascada – “miracle”

Hier gibt es das komplette Gegenteil zum Lucky-Twice-Song von eben. Ein überaus nervendes Stück Europop. Dieses Projekt zweier DJs hat bisher zwei überflüssige Coverversionen auf den Markt geschmissen (“everytime we touch” und “truly madly deeply” – und auch die Eigenproduktion “miracle” hat alle Merkmale eines Dorfdisco-Kommerz-Dance-Stücks, die schon Mitte der 90er genervt haben. Der Song kommt definitiv 10-15 Jahre zu spät. Um so erschreckender, dass er trotzdem so hoch in die Charts einsteigt. Wahrscheinlich klngt der Uralt-Sound für Kinder irgendwie neuartig. 1 von 10 Punkten.

29: Akon – “don’t matter”

Über 15 Millionen haben sich diesen Song schon bei YouTube angesehen. Heftig. Akon, der mit seinem Megahit “lonely” Nummer 1en rund um die gesamte Welt einheimste, kommt hier mit sommerlichem, von Reggae-Rhythmen angehauchtem Softpop. Das wäre ja auch insgesamt halbwegs okay, wenn nicht ständig eine Clownsstimme “cause i got you babe” dazwischen plappern würde. So lässt sich der Song leider überhaupt nicht ernst nehmen. 2 von 10 Punkten.

20: David Bisbal – “silencio”

Der Sommer naht, Zeit für immer mehr spanische Songs in den deutschen Charts. Im Gegensatz zu den normalen Musik-Importen von der iberischen Halbinsel kommt Senor Bisbal mit eher rockigen Rhythmen daher. In seiner Heimat ist er angeblich DER Megastar, verkauft Millionen von Platten. Warum er gerade jetzt auch so hoch in Deutschland einsteigt? Keine Ahnung. An der Qualität des Poprock-Stücks kann es nicht liegen. 3 von 10 Punkten.

18: Gwen Stefani – “4 in the morning”

Ich glaube, mit Gwen Stefani werde ich nie mehr warm. Damals, als sie beim Southside den Bühnenträger hochkletterte, ihre Kollegen von No Doubt dazu rockten – da war sie noch wer. Doch all das, was sie in ihrer Solo-Karriere anrichtete, deutete nur noch darauf hin, dass sie gefallen will. Dem Mainstream und den Geldbeuteln. “4 in the morning” ist eine völlig verschnarchte Popballade, die klingt, als sei sie aus düsteren Tagen der 90er herübergerettet worden. Indiskutabel. 2 von 10 Punkten.

06: Enrique Iglesias – “do you know? (the ping pong song)”

Auch das noch. Der Mann, der gerade durch jede zweite Fernsehshow springt, hat die Top 10 erreicht. “do you know?” ist einer dieser Songs, die zwar im Kopf ankommen, weil er so eingängig ist, da aber schnell wieder raus muss, weil er so klebt und nur Schäden anrichtet neben all der guten Musik, die da sonst so im Kopf rumspukt. Apropos: Welche Drogen muss man eigentlich nehmen, um auf die Idee zu kommen, einen Song auf einem Tischtennis-Spiel-Sample aufzubauen? 3 von 10 Punkten.

Die Top Ten vom 6. Juli 2007:

01 (01) Rihanna feat. Jay-Z – “umbrella”
02 (02) Marquess – “vayamos companeros”
03 (03) Pink – “dear mr. president”
04 (06) Mika – “relax (take it easy)”
05 (05) DJ Ötzi & Nik P. – “ein stern (der…)”
06 (—) Enrique Iglesias – “do you know? (the ping pong song)”
07 (08) Timbaland/Nelly Furtado & Justin Timberlake – “give it …”
08 (07) Mark Medlock – “now or never”
09 (13) Bon Jovi – “(you want to) make a memory)
10 (09) Ich+Ich – “vom selben stern”

Ebenfalls erschienen, aber gefloppt:
- Bernhard Brink & Simone – “alles durch die liebe”
- Chris Cornell – “arms around your love”
- Fridolin feat. 3 Chinesen – “3 chinesen mit dem kontrabass”
- Haddaway – “follow me”
- Kate & Ben – “bedingungslos”
- Kool & The Gang – “party people”
- Tom Novy – “my house”

Singles, die in dieser Woche eventuell eingestiegen wären, wenn das neue Charts-Regularium, laut dem auch reine Download-Singles ohne CD gewertet werden, schon jetzt und nicht erst ab Ende Juli gelten würde:
- Arctic Monkeys – “da frame 2r / matador”
- Global Deejays feat. Technotronic – “get up!”
- Icke & Er – “keen hawaii”
- Kosheen – “guilty”
- Unkle feat. Ian Astbury – “burn my shadow”

Vorschau:
In der nächsten Ausgabe der Charts-Kritik lesen Sie voraussichtlich u.a. Beiträge zu den neuen Singles von den Beatsteaks, Maximo Park, Red Hot Chili Peppers, Madsen, Sarah Connor, Monrose, Avril Lavigne, Take That, Jürgen, sowie Mark Medlock & Dieter Bohlen. Wenn die Verkaufszahlen keinen Strich durch die Rechnung machen.

9 Comments so far

  1. stefan niggemeier on July 12th, 2007

    die erklärung für das plötzliche auftauchen von david bisbal in den deutschen charts: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/inhalt/29/0,4070,5558077-6-23,00.html

  2. Solus on July 12th, 2007

    Eisregen haben schon ein paar tolle Lieder verbrochen; “Dreizehn”, “Futter für die Schweine”, “Zeit zu spielen” – alles ganz große Liedkunst. Leider hat die Band stark nachgelassen und das neuerliche Werk ist tatsächlich Müll. Eigentlich sollte ja zu dem Zeitpunkt auch das letzte Eisregen-Album erscheinen, gefolgt von der Bandauflösung. Scheinbar gehen sie aber nun lieber den Weg der langsamen Selbstdemontierung.

  3. jo on July 12th, 2007

    Puh, ich dachte schon, ich müsste die Fahne für Eisregen hochhalten, obwohl ich fast nix über die Band weiß.

    Jedenfalls: Irgendwo habe ich hier einen älteren Track von denen, der durchaus Respekt verdient bzw. hier auf Indydiscos immer wieder gewünscht wird. Aber haltet euch mal lieber an Solus, der scheint sich auszukennen.

  4. Sachar on July 12th, 2007

    Ich bin froh, dass wir uns zumindest hinsichtlich Mark Ronson einer Meinung sind.

  5. moritz on July 12th, 2007

    vermisste diese rubrik schmerzlich und habe mich dann ausnahmsweise in dieser woche selbst mal daran gemacht – erst mal respekt, das ist deutlich mehr arbeit als ich gedacht hätte. und interessant wie weit wir trotz ähnlichen musikgeschmacks in der bewertung auseinanderdriften :)

  6. Kommissario on July 12th, 2007

    Fall Out Boy? Wirklich? Wenn der Song nicht absolut furchtbar ist, was dann?! In letzter Zeit wird hier viel zu viel durchgewunken, siehe auch dieses dermaßen scheinheilige “Mr. President” von Pink (“Let me tell you about hard work”… ja, nee, is klar, Multimillionenplattenvertrag und so, und den hast du dir hart erarbeitet…).

    Mehr Strenge, bitte. :)

  7. Lucky#Slevin on July 12th, 2007

    Hmm… mich wundern immer wieder die “Flops”.. hey, nicht dass diese jetzt irgendwelche Underground-Hits darstellen, aber ich verstehe nicht wieso Cascada mit so einem trashigen Song vor Tom Novy steht, der zumindest weiß, wie House klingen sollte…

  8. Henrik on July 12th, 2007

    41 erinnert mich irgendwie daran: http://www.youtube.com/watch?v=FT9N6kwVyHU

  9. vib on July 12th, 2007

    Hm, Ken kommt irgendwie so rüber wie der nächste Grandprix-Beitrag aus Slowenien oder so. Am geilsten finde ich ja diese komischen Netzdingsgadgets in dem Video, die beim Klingeln an der Tür anzeigen “Doorbell. Homies.” Wie beknackt ist das denn? So ein System will ich auch, das dann zum Beispiel anzeigt “Doorbell. Zeugen Jehovas.” Oder: “Doorbell. GEZ.”
    Und Mark Ronson kommt ziemlich gut – aber bei dem Original ist das auch kein Wunder. Nightwish, ehm Within Temptation erinnert mich schwer an Avril Lavignes “Nobody’s home”.

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