herr gorny und das ende einer ära.

Dieter Gorny, früher Viva-Gründer, heute oberster Lobbyist der Tonträgerindustrie, hat mich heute zum Lachen und Kopfschütteln gebracht. Beides gleichzeitig. Hintergrund: Die Messe Popkomm wird 2009 nicht stattfinden. Offizielle Begründung Gornys: “Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen.” Abgesehen davon, dass die Messe ohnehin seit vielen Jahren ihre ganz eigenen Probleme hatte, fällt mir zu diesem unglaublichen Satz nur ein Vergleich ein: Wo sind die Hersteller von Faxgeräten, die anprangern, dass man keine Faxgeräte-Messen mehr ausrichten könne, weil im Internet Texte einfach so verschickt werden, ohne dafür zu bezahlen.

Denn: Gorny vertritt nicht etwa die Musikbranche, sondern nur einen Teil, die Tonträgerindustrie. Und genau dieser Teil stirbt derzeit. Entgegen Gornys Aussagen liegt das aber eben nicht am “Diebstahl im Internet”, sondern am jahrelangen Tiefschlaf der Tonträgerindustrie. Hätte man schon zu Napster-Zeiten mit Download-Shops wie AmazonMP3 reagiert, wäre das kostenlose Downloaden meiner Meinung nach nie zu einer so großen Sache geworden, wie sie es ist. Stattdessen lamentiert man auch im Jahr 2009 noch herum und versucht, Druck auf die Politik aufzubauen. In einer Pressemitteilung von heute schreibt Gorny: “Die momentane Situation ist aber auch ein Ergebnis der Untätigkeit der Politik, die beim wichtigsten Branchenthema Internetpiraterie nach wie vor den Ernst der Lage nicht erkannt hat.” Schon vor Kurzem hatte Gorny gefordert, die Zensurinfrastruktur, die in Deutschland nach dem Bundestagsentscheid von gestern aufgebaut wird, auch für P2P-Plattformen zu verwenden.

Um das klar zu sagen: Ich bin keineswegs für eine Freigabe jedweder Musik- oder Filmdownloads, denn auch in Zukunft sollen Bands von ihrer Musik leben können (auch Musiker mit Live-Auftritts-Phobien). Doch spätestens seit dem Start von AmazonMP3 gibt es für mich kein Argument mehr gegen legale Downloads. DRM-freie MP3s für kleines Geld. Genau das hatte ich mir immer gewünscht. Gornys Lobbyistensprüche zeigen, dass sich die Tonträgerindustrie trotzdem noch nicht mit ihrer Situation abgefunden hat und immer noch in Träumen aus einer vergangenen Zeit schwelgt, in denen Mega-Renditen mit überteuerten Plastikscheiben eingefahren wurden. Gorny weiß aber wahrscheinlich selbst am besten, dass seine Industrie im Sterben liegt.

Ein Beispiel: Auf Platz 2 der aktuellen Single-Charts befindet sich Emiliana Torrini mit dem Song “Jungle Drum”. Interessanterweise hat die Sängerin das geschafft, obwohl erst am heutigen Freitag eine CD des Songs erscheint. Ich weiß nicht, ob zuvor schon eine reine Download-Single so weit oben in den Charts zu finden war, aber dieser Fall zeigt die Misere der Tonträgerindustrie sehr gut auf: Wozu braucht es noch Plastikscheibenhersteller, wenn Künstler doch auch ohne Plastikscheiben Erfolg haben können? Die Argumente der Industrie: um bekannt zu werden, um als Newcomer finanziell unterstützt zu werden, etc. Doch braucht es dazu einen Plastikscheibenhersteller? Könnte diese Aufgaben nicht auch eine PR-Agentur oder Künstlerberatung übernehmen? Eine meinetwegen auch sehr große, internationale Agentur, die gleichzeitig Verträge mit Downloadshops und Konzertveranstaltern aushandelt, Musiker berät, sie am Beginn ihrer Karriere unterstützt, Internet-Kampagnen entwirft, trommelt?

Warum begreifen Gorny & Co. das nicht und ändern ihre Geschäftsmodelle entsprechend? Warum jammern sie lieber als anzupacken? In anderen Ländern sind die Unternehmen doch auch schon weiter, diskutieren sogar ernsthaft über Musik-Flatrates, etc. Wahrscheinlich muss es tatsächlich erst so weit kommen, dass in Deutschland auch P2P-Plattformen mit Internetsperren versehen werden, bis Gorny und Konsorten begreifen, dass die Probleme ihrer Plastikscheibenindustrie viel größer sind und man Stoppschilder nicht essen kann.

24 Comments so far

  1. David on June 19th, 2009

    Er sollte Staatshilfe beantragen. Das scheint ja gerade bei Unternehmen mit gebrochenem Geschäftsmodell hoch im Kurs zu sein. Würde mich interessieren, wie die Politik auf so etwas reagieren würde.

  2. Jesus Presley on June 19th, 2009

    Sehr guter Kommentar.
    Der Vergleich mit den Faxen schmeckt mir besonders gut.
    Das es anders geht, zeigt ja die Ur-Popkomm, die als c/o pop seit 2004 kleiner daherkommt aber erfolgreich zu einem modernen Event ["Pop Culture 2.0"] entwickelt hat.
    http://www.taz.de/index.php?id=digitaz-artikel&ressort=ku&art=3458&no_cache=1

  3. Tim on June 19th, 2009

    Das ist so nicht richtig. IFPI und die jeweiligen Länderinstitute sind lange nicht mehr Tonträgerindustrie, ich meine der deutsche Landesverband hat sich auch umbenannt mittlerweile.

    Die haben sich immer nur so genannt, damit deutlicher wird, dass man bei denen Tonträger kaufen kann und keine weitergehenden Rechte. Die Sachen, die da drauf waren, durften natürlich genutzt werden, aber wenn mal eine CD verkratzt war, haben die die nicht umgetauscht, weil du halt keine Musik gekauft hast, sondern nur einen Tonträger. Das woll(t)en die online natürlich weiter so durch ziehen, wenn einer der unsäglichen WMA-Shops pleite geht und die Lizenzserver abschalten, musst du auf deine Downloads genauso aufpassen wie auf eine CD. Auch bei itunes geht das ja nicht so einfach mit dem re-downloaden, obwohl die sich auf ewig merken, was du dir gekauft hast.

    Das ist aber der einzige Punkt, wo die Semantik mit den Tonträgern eine Rolle spielt. Wenn, dann hätte man eher auf die Mitgliedschaft kleiner und großer Labels in IFPI usw. zielen können. Die kleinen heulen natürlich auch, aber es sind insbesondere die großen und organisierten, die jetzt hier Druck machen wollen. Labels, wohlgemerkt, nicht CD-Pressanstalten. Das war immer nur eine Mogelpackung, gepresst haben die immer irgendwelche externen Firmen in Niederlanden und Polen. Gorny vertritt tatsächlich die Musikindustrie bzw. eben die Labels, die groß genug sind, um da Mitglied sein zu wollen. Der semantische Taschenspielertrick mit den Tonträgern taugt mittlerweile nicht mehr viel, um ihn als Aufhänger benutzen zu können.

    Und über den Rest brauchen wir nicht reden, das grundsätzliche Problem ist und bleibt einfach, dass auch viel weniger Musik gehört wird. Das wird zwar in Tonnen runtergeladen, aber nur für Schwanzvergleiche (isch hab 400 Gigabyte, Digga!). Und da haben sie noch nicht mal so sehr durch eigenes Zutun verkackt – sowas wie Rockband, wo die wirklich viel Geld generieren, ist ja nicht unbedingt eine doofe Idee. Aber die Kunden, die die “tollen Verpackungen” und den “Mehrwert” wieder zu hunderttausenden kaufen sollen, kaufen halt mittlerweile auch viel anderes Entertainment-Zeug. Klingeltöne und sowas sind ja endlich wieder rückläufig, aber pro wii-Spiel hat sich ein junger Mensch früher halt 3-4 Alben gekauft. Musik wird nie unwichtig werden für die Identitätsbildung, aber so ein Tag hat nur 24 Stunden, da kriegt man halt nur so und so viel Entertainment rein. Und ein Album fünfmal am Stück hören hat einfach mittlerweile zu viel Konkurrenz, als dass es da nochmal richtig aufwärts gehen könnte.

    Dachte in dieser Richtung wäre die Diskussion auch mittlerweile durch und die hätten sich alle damit abgefunden. Ich war da auch überrascht, als der Gorny schon im März angefangen hat, da wieder so Sperren zu wollen. Natürlich wird das für die keinen Unterschied machen, ich dachte immer, die fusionieren da noch ein bißchen hin und her und irgendwann sind noch zwei große übrig und das war’s dann.

    Viel interessanter übrigens der Graubereich der US-Seriendownloads, die man offiziell aus Deutschland bei itunes gar nicht kaufen kann, weil dann die deutschen Lizenznehmer die Krätze kriegen. Da hat noch nie wer geklat, glaube ich, und ob das alles so bleibt auf Dauer, da hab ich meine Zweifel.

  4. Tim on June 19th, 2009

    Ach ja, hier ist es ja, ifpi.de linkt seit irgendwann auf

    http://www.musikindustrie.de/

    Die heißen jetzt Bundesverband Musikindustrie, nicht mehr Tonträgerindustrie. NAtürlich, alter Wein, neue Schläuche, aber.

  5. drikkes on June 19th, 2009

    Volle Zustimmung, auch wenn ich mir sehr gerne CDs und Platten kaufe, weil ich eben auf komplette Alben und deren Artwork stehe. Sozusagen das Gesamtkunstwerk für Ohr und Auge. Durch diese Musik werde allerdings durch das Internet aufmerksam und schon lange nicht mehr durch Rezensionen in Printmagazinen. Ich nutze keine P2Ps und offizielle Downloadportale äußerst selten.

    Auf mir auf den Sack geht, das ist die Verlogenheit der Tonträgerbranche. Zu ihrer Hochzeit sind es doch nur einige wenige Plattenmillionäre gewesen, während sich der Großteil der Musiker fast wie heute den Arsch abgespielt hat. Die Charts sind noch unerträglicher als heute gewesen. (Kommt mir das nur so vor oder ist das schon Altersmilde?) Die großen Mainstream-Radiostationen kann ich mir indes immer noch nicht antun. Was Du zur Newcomerförderung schreibst, kann ich genau so unterschreiben.

  6. Martin Koser on June 20th, 2009

    Und hier ein Interview mit Herrn Gorny im Deutschlandradio (http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2009/06/19/drk_20090619_2308_9c354860.mp3) – einschließlich einer Lobrede auf das “französische Modell”.

    Und ja, das Interview ist vom 19.06.2009, was die französischen Verfassungsrichter zu Hadopi sagten scheint Herrn Gorny nicht zu stören oder zu bremsen.

    Aber bevor ich mich in Rage schreibe höre ich besser auf …

  7. Martin on June 20th, 2009

    muß mich auch zurückhalten was gorny angeht.
    trotz seines relativ jungen alters (^^) hat er ansichten wie die altbackende gema.
    das herr g. hadopi gerne in deutschland hätte war klar und ich befürchte nach dem kp-gesetz auch schlimmstes.
    schon jetzt schreien alle nach mehr wobei “kp” doch nur ein vorwand war um auf steuergeldern ein gesetz zu erlassen das sonst jeder rtl zuschauer abgelehnt hätte. und das nicht wegen der “stasi 2.0″ sondern wegen seinem geld in diesen ach so schlechten zeiten.

    wenn das so weiter geht ist china liberaler wie deutschland
    *ironie*

  8. [...] gorny und das ende einer ära. – popkulturjunkie.de herr gorny und das ende einer ära. – popkulturjunkie.de “Wo sind die Hersteller von Faxgeräten, die anprangern, dass man keine Faxgeräte-Messen [...]

  9. Mavez on June 20th, 2009

    Die Industrie ist selber Schuld, in Zeiten von Harz 4, Armut überteuerte CDs die man sich 1 bis 2 anhört und dafür 15€ zahlt? Ich meine ein einzelner CD Rohling kostet mittlerweile für den endverbraucher nicht mehr als 5-10 Cent! Und hier ein Aufschlag von mehr als 10000% find ich einfach nur krank, soviel Geld für eine wertlose scheibe Auszugeben, 5€ Maximal fürn Album wär angemessen, 1€ gewinn fürn Händler, 4 für den Künstler, die ganzen Plattenfirmen sind doch sowieso nur ein Millionengrab.

  10. jo on June 20th, 2009

    Jens: Ich mag mich irren, aber: Emiliana Torrinis neue Single habe ich bisher vor allem in bemusterten Webradios gehört (und seit letzter Woche auf BFBS, dem Radio der britischen Armee). Kann es sein, dass der Erfolg allein über Radiopromotion zu erklären ist?

    Mavez: Bitte nicht übersehen, dass auch die Produktion und das Marketing für eine CD Geld kosten. Und das – auch im Zeitalter von MySpace und erweiterten Homerecording-Möglichkeiten (auch der Krempel muss erstmal beschafft werden) – nicht gerade wenig. Ganz so einfach ist es leider nicht.

    Warte mal, ich habe da einen historischen Text: http://www.fitug.de/debate/0008/msg00306.html – Smudo von den Fanta 4, PopKomm 2000 ,)

  11. dot tilde dot on June 20th, 2009

    lesen sie sich mal alte ausgaben der “musikmarkt” oder anderer branchenzeitschriften der musikindustrie durch. die branche beschrieb ihre erfahrungen in der zeit als “napster-schock”, völlig unverdiente sache natürlich, war man doch wenige jahre zuvor noch so arg vom “brenner-schock” gebeutelt gewesen.

    panisches geschwafel ist bei dinosauriern quasi eine berufskrankheit. so schlecht macht der herr gorny seine sache gar nicht.

    übrigens, das mit dem “einstieg auf platz eins” ist ein ganz alter hut. die erklärung ist einfach: die “charts” sind größtenteils zahlen der zwischenhändler. die mehrheit der händler bekommen fertig konfektionierte pakete von ihren großhändlern. von denen gibt es eine hand voll. auch singles, die wie blei in den regalen (oder den ersatzlagerschubladen) schlummern, tragen zum marketinginstrument “charts” bei.

    .~.

  12. [...] des Tages: »Wo sind die Hersteller von Faxgeräten, die anprangern, dass man keine Faxgeräte-Messen meh…« – pssst, nicht so laut. Sonst fangen die auch noch mit Propaganda gegen das Internet [...]

  13. Sebs on June 21st, 2009

    Gornylein hat einfach zu viel Kohle um noch normal zu denken. Mir fallen zu seinen Aussagen wirklich NUR Beleidigungen ein.
    Andere Indeustriezweige haben wenigstens noch den Anstand uns mit Finanzkrise anzulügen und so das eigene Versagen zu kaschieren.
    Von den ganzen Verbänden (Gema, ifpi etc) bis zu den Charts, alles Beschiss am Enduser für die Taschen von dritten.
    Was für nen gGrund hahbe ich mich online bescheissen zu lassen? Ich mach ja auch kein Onlinebanking bei phishingseiten.

  14. Eispirat on June 21st, 2009

    Und was ist aus der guten alten Erinnerung and die gute alte Eisblockindustrie geworden?

    Die wurde durch Elektronetz und Kühlschranke auch komplett zerstört.
    Früher hat die als Analogie zu Internet und Musikvertrieb im Munde der Raubmordkopierer stets und immer prominent herhalten dürfen!
    Und nun? Ersetzt? Durch Telefax? Als wenn man das zum überleben bräuchte, pah!

    Ich beantrage sofortige grössere nachhaltige staatliche Hilfen bei der analogistisch argumentativen Gewichtungdes Themas!
    Subito. Zur Not auch piraatliche Hülve ….

  15. [...] Har har: Wo sind die Hersteller von Faxgerten, die anprangern, dass man keine Faxgerte-Messen mehr ausricht… [...]

  16. SvenR on June 22nd, 2009

    @ jo: Emiliana Torrinis “neue Single” wurde im Germany’s Next Top Model-Finale gespielt – da gab es die m. K. nach noch gar nicht als “Single”.

  17. And Whatnot #19 « on June 22nd, 2009

    [...] Herr Gorny und das Ende einer Ära [...]

  18. June 22nd | eins78 on June 22nd, 2009

    [...] shared herr gorny und das ende einer ära. – popkulturjunkie.de — 5:02am via Google [...]

  19. thom.t on June 24th, 2009

    Vielen Dank! Das musste wirklich mal so deutlich gesagt, bzw. gepostet werden. Respekt, Herr Kollege!

  20. Principien on June 24th, 2009

    [...] Gorny wäre aber nicht Dieter Gorny, würde er nicht in völliger Verkennung der Tatsachen, wieder einmal gegen das böse Internet wettern. Und Die Welt wäre nicht Die Welt, wenn sie die [...]

  21. Hurra, die Popkomm ist tot! on June 24th, 2009

    [...] Gorny wäre aber nicht Dieter Gorny, würde er nicht in völliger Verkennung der Tatsachen, wieder einmal gegen das böse Internet wettern. Und Die Welt wäre nicht Die Welt, wenn sie die [...]

  22. Andreas on June 26th, 2009

    weiß eigentlich noch wer wie Teuer Vinyl in der Produktion war? Was das Pressen von LPs kostete? Der aufwand und die Kosten waren beachtlich höher und ein Album hat nicht wesentlich mehr gekostet. Zum Schlus wurde DM weggekratzt und eine € draufgemalt. Vielleicht könnte das ja auch ein Grund sein das man langsam abnippelt.

    Kennt Überhaupt noch Jemand außer mir Platten :)

  23. [...] überlegte ich noch einmal reiflich und dachte mir – Scheiß drauf. Zumindest ist ja es ja einhellige Meinung, dass Gorny & Co. selbst dran Schuld sind an der Situation der Tonträgerindustrie und als [...]

  24. meistermochi on July 11th, 2009

    und ich sage immer noch: hätte die industrie ihr produkt nicht so unendlich entwertet (z.b. zettel statt booklet) wäre es anders gekommen. von der downloadentwicklung mal ganz abgesehen.

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