twitter und so.

Bisher wurde der Begriff “Blogger” in Deutschland leider immer wieder als Synonym für die Begriffe “Pöbler” oder “Besserwisser” benutzt. Seit gestern dürfte das vorbei sein. In Zukunft könnte der “Twitterer” das neue Schimpfwort sein. Das, was seit gestern in Teilen von Twitter abläuft, kotzt mich einfach nur noch an. Wie sehr einige sich dort selbstherrlich feiern und aus ihrem gemütlichen Sessel heraus Fundamentalkritik an jedem kleinen Versprecher eines TV-Moderators üben und auf übelste Weise Leute beschimpfen, die keine Internet- oder Twitter-”Profis” sind, ist unglaublich. Da wird sich dann sogar auch noch darüber pikiert, dass Das Erste Biathlon zeigt. Natürlich gibt es Dinge in der Berichterstattung, über die man sich zu recht aufregen kann. Ich glaube, es wundert keinen, wenn ich hier die “Bild”-Zeitung, Bild.de und RTL als Negativ-Beispiele nenne. Aber: Dieser Schmutz, der von einigen per Twitter über Journalisten ausgegossen wurde, die einfach nur ihren Job machen, dabei keinerlei Sensationsgier an den Tag legen und sich im stundenlangen Stress mal verhaspeln oder unglückliche Formulierungen wählen – das ist würdelos, tausendmal würdeloser als die kritisierte Berichtersatttung. Wie schon neulich, als ich mich über die Echo-Pöbler aufgeregt habe, glaube ich, dass viele Leute bewusst nur die Sender und die Medien nutzen, bei denen sie sich am meisten aufregen können. Und das dann natürlich auch voller Lust und Gier tun. Das, was ich gesehen habe, auf Sendern wie Phoenix, dem SWR Fernsehen und zu Teilen durchaus auch bei N24 oder n-tv, war oftmals sehr ausgewogene, unaufgeregte Berichterstattung, die sachlich und nicht sensationsgeil war.

Für mich hat dieser schlimme Tag, an dem – und das haben einige wohl längst vergessen – 16 Menschen gewaltsam gestorben sind, im Bezug auf Twitter vor allem eins gezeigt: Das Nutzen des Unfollow-Buttons ist die befreiendste Funktion, die der Dienst anbietet.

14 Comments so far

  1. Carsten on March 12th, 2009

    Ja, wie so oft: Man entscheidet selbst, was man lesen will. Und man entscheidet auch, was man schreiben will. Dadrin ist Twitter jedenfalls groß. Und Schmutz gibt es überall, im TV, im Netz und auch in Twitter.

  2. ntvde on March 12th, 2009

    Schön, dass das jemand so sieht und auch mal so sagt. Läse man ausschließlich Twitter, hätte man tatsächlich den Eindruck, es hätten alle Medien durchgängig total versagt. Danke für die differenzierende Darstellung!

  3. DerHenne on March 12th, 2009

    Wie bei jedem Medium, muss man halt auch bei Twitter selektieren können, was man liest und was nicht. Einfaches Konsumieren ist da – ebenso wie bei den herkömmlichen Medien – nicht angebracht.

  4. Thomas on March 12th, 2009

    Irgendwie aber auch merkwürdig, dass Du als jemand, der schon diverse Live-Blogs gemacht hat und da also in Echtzeit über das geschrieben hat, was passiert – im Grunde nichts anderes als twittern – jetzt plötzlich erkennt, dass da gerne mehr gemotzt wird als nötig. Das trifft auch auf alle Live-Blogs zu, auch die hier. Ist das dann Selbstkritik?

    Dass grundsätzlich mehr kritisiert wird als gelobt – das wissen wir alle. Und Übertreibungen gab es gerade gestern natürlich auch zahlreiche. Dennoch halte ich manche Kritik an der Berichterstattung für durchaus berechtigt. Und die Gier nach möglichst emotionalen Storys und schnellen Infos war gestern bei vielen Sendern/Websites groß. Selbst die ARD wurde gestern Abend in “Tagesschau” und “Tagesthemen” neben den Fakten überraschend gefühlsduselig.

    Was mich ein wenig irritiert ist die Benutzung des Wortes “würdelos”. Macht in dem Zusammenhang mit Deiner geäußerten Kritik nicht richtig Sinn.

    Liebe Grüße,
    Thomas

  5. Mathias on March 12th, 2009

    Ich teile deine Auffassung in vielen Teilen deines Textes, nehme für mich aber in Anspruch, falsch verstanden worden zu sein (Weil du auch mir seit gestern nicht mehr folgst). Ein Erkärungsversuch:

    Ich habe gestern N-TV gesehen, weil Phoenix zum Zeitpunkt, als wir begannen im Büro Streams zu suchen, live von der Eröffnung der Handwerksmesse berichtete. N-TV war also die erste Wahl, weil sie am Thema waren, nicht weil man über sie per se meckern kann.

    Kurz nach dem ich eingeschaltet habe, verkündete der Moderator, das “27.000 Einwohner und ein paar Zerquetschte” hat. Das fand ich sehr unangebracht und habe daran geglaubt, dass er das noch revidieren, bzw. korregieren würde, denn für mein Gefühl hat er sehr genau in diesem Moment registriert, dass das gerade eine sehr unglückliche Formulierung war, nach unten geblickt, in seinen Aufzeichnungen geblättert und dann hat seine Kollegin übernommen.

    Daraufhin habe ich drei Minuten später nachdem das passiert war, folgendes getwittert: “WTF!!!!!????!!!! N-TV!!!!: “Winninden hat 27.000 Einwohner und ein paar Zerquetschte.” Argh!!! #winnenden #wtf #ntv”

    Das war kein “Impulsiv-Tweet” von mir, sondern bewusst und überlegt so und ich würde das unter diesen Umständen auch genau so wieder tun.

    Den zweiten Kritikpunkt den ich gestern an N-TV hatte, war die Berichterstattung über Twitter. Nicht das was sie berichteten (Twitter übernehme ohne jede Prüfung Gerüchte auf, mische Informationen aus allen Medie, oder anderen Twitterern und gebe diese ungefiltert weiter <- so weit, so richtig), sondern wie sie es taten: Nämlich sich dabei selbst als Gralshüter des Journalismus beschwörend, der ja jede Information überprüfe und verifizierte und das ist mit Verlaub quatsch. Sie haben aus allen nur erdenklichen Quellen zitiert: Augenzeugenberichten, Agenturmeldungen, mal nur aus einer BILD-Information etc. schlicht, sie haben alles abgebildet, was sie erfuhren. Ich kann mir in diesem schnellen Kontext und bei aller journalistischer Erfahrung nicht vorstellen, wie in dieser unübersichtlichen Situation es möglich sein sollte, all das zu verifizieren.
    Mein logische Frage: “Hey @ntvde, bitte sagt mir: Wie filtert Ihr bzw. wie verifiziert Informationen zu #Winnenden, bevor Ihr sie in die Welt rauspustet? #ntv” bliebt aber leider bis heute unbeantwortet.

    Ich hoffe sehr, dich bald wieder als Follower begrüßen zu können.

  6. Lukas on March 12th, 2009

    Die fünf Minuten Fernsehen, die ich gestern ertragen habe, hatten mit angemessener Berichterstattung ausgesprochen wenig zu tun.

    Da wurde die Hall of Fame der bisherigen Amokläufer vorgestellt, da wurde zu überforderten Reportern geschaltet, die erzählten, ein Nachbar habe erzählt, er habe gehört … Das ist nicht “einfach ihren Job machen”, das ist – Entschuldigung – scheiße. Da sollen sie besser die Straße kehren als hilflos (was ja durchaus verständlich ist) in den Äther zu blubbern.

    Berichterstattung heißt für mich nicht, als Erster vor Ort zu sein und zu sagen, dass alle fassungslos sind und totales Chaos herrscht. Ich will sowas nicht hören und im Gegensatz zu den Nebensächlichkeiten, die auf twitter passieren und die weg sind, wenn ich nicht hinsehe, bin ich bei der Berichterstattung der Medien der Meinung, dass sie überhaupt nicht in diser Form stattfinden dürfte.

    twitter habe ich gestern trotzdem genauso ausgemacht wie den Fernseher.

  7. Marcel on March 12th, 2009

    Das Nutzen des Abschalt-Buttons ist die befreiendste Funktion, die das Fernsehgerät bietet.

  8. Daniel D on March 12th, 2009

    Danke für diesen Beitrag, Du findest meine Zustimmung. Auch beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs fiel mir auf, dass via Twitter nur auf bereits existierende online Berichterstattung hingewiesen wurde. Keine neue Erkenntnis die sich via Twitter schneller verbreitet hätte, keine Neuigkeit die nicht auch schon anderswo online zu lesen war, nur Gezwitscher. Dann und wann ein verächtliches “Spiegel Online hat *jetzt erst* ein Bild der Katastrophe! Die klassischen online Nachrichtendienste versagen erneut!” o.ä. – gut dass sich (online) Journalisten noch nicht wegen Twitter in die Hose machen müssen und sich die nötige Zeit nehmen.

  9. ian in hamburg on March 12th, 2009

    Twitter selber ist…naja, nervig, aber für Nachrichten ist Twitter oft viel schneller als die nachrichten-agenturen. Twitscoop sammelt die Tweets, die am häufigsten erscheinen als Volke. Check it out.

  10. Steffen on March 12th, 2009

    Es ist sicherlich kleinkariert, sich über jeden Versprecher aufzuregen, aber die grundsätzliche Arbeitsweise der beiden Nachrichtensender halte ich für fragwürdig. Daher würde ich hier stärker differenzieren. Die öffentlich-rechtlichen haben ihre Sache sicher gut erfüllt.

    Ich finde aber n24 und n-tv setzen sich selbst einem solchen Druck aus, dass journalistische Prinzipen vernachlässigt werden. Der fundamentale Unterschied zwischen Twitter (Privatpersonen) und Meldungen im TV (Journalisten) muss doch sein, dass in letzterem eine “gewisse” Überprüfung vor Veröffentlichung stattfindet. Und hier habe ich Zweifel, warum sonst wird ständig spekuliert “4 Verletze, nein … wir erfahren grade 3 Verletze, halt doch 4 Verletzte usw.” In den Medien wird heute ebenfalls sehr viel spekuliert, so ist am Ende der einzige Unterschied der Kanal in dem die Meldung erscheint.

    Aber es gibt sicher noch weitere Kritikpunkte. Warum bspw. werden 10-jährige – offentsichtlich unter Schock stehend – vor eine Kamera geholt und sollen dann in die Kamera sprechen?

    Die Medien haben generell sicherlich nicht versagt, aber ein gewisser Lernprozess – auch im Umgang mit neuen Kanälen – wäre schön zu beobachten.

  11. [...] 5. “twitter und so.” (popkulturjunkie.de, Jens Schröder) Popkulturjunkie Jens Schröder kotzt es einfach nur noch an, “was seit gestern in Teilen von Twitter abläuft”: “Wie sehr einige sich dort selbstherrlich feiern und aus ihrem gemütlichen Sessel heraus Fundamentalkritik an jedem kleinen Versprecher eines TV-Moderators üben und auf übelste Weise Leute beschimpfen, die keine Internet- oder Twitter-’Profis’ sind, ist unglaublich.” [...]

  12. nexuslex on March 13th, 2009

    to twit: jemanden aufziehen:::::jemandem Vorwürfe machen….

    twitter: zwitschern,zirpen::::aufgeregt schnattern,piepsen:::kichern:::vor Aufregung zittern…
    Gezwitscher, Geschnatter…

    die Kommunikation des Schwarms…

    Bewegungsrichtungen sind da aufschlussreicher als einzelnes Gezirps…

    ja und der Taubendreck…

  13. holly on March 13th, 2009

    http://www.wuv.de/news/medien/meldungen/2009/03/124095/index.php

    Twitter hin und her-
    hier ein kommentar eines ortsansässigen chefredakteurs (werbeblatt)
    vom gestrigen tag.

  14. Raventhird on March 15th, 2009

    Twitter ist mir scheißegal. Aber was in den Internet-Medien zu dem Thema an “Berichterstattung” passierte war – kurz gesagt – wirklich unter aller Kanone. Da wurden Falschmeldungen am Akkord produziert, voneinander abgeschrieben und wiederum falsch revidiert. Alles nur der schnellsten Meldung für die meisten Klicks wegen.

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