Zugfahren ist ja in allererste Linie dazu da, den Hass auf die Menschheit immer größer werden zu lassen. Meine beiden 4-Stunden-Trips nach Berlin und zurück waren dafür wieder Paradebeispiele. Auf der Hinfahrt ungefähr 15 quängelnde “Wie lange noch?”-Knut-Sehenwoller, direkt hinter mir ein Knoblauch-Stinker und heute u.a. diverse Klingelton-Geschmacksverirrte, völlig aufgeregte Rentner auf der Suche nach ihrem reservierten Platz (obwohl überall Platz war) und sie nur ca. 30 Minuten fahren mussten, eine Schuh-Auszieherin und viel zu viele Laut-Dämliches-Zeug-Erzähler. Daher erneuere ich hiermit meine seit Jahren anhängige Forderung: Ich will endlich neben den Nichtraucher-Abteilen auch Nicht-Kinder-Abteile, Nicht-Esser-Abteile und Nicht-Stinker-Abteile. Möglichst auch noch Nicht-Klingelton-Abteile. Danke schonmal, liebe Bahn.
Immerhin hat man (wenn man nicht gerade von der nervigen Männerstimme abgelenkt wird, die im Computerspiel der süßen Kleinen nebenan stundenlang die gleichen drei Sätze sagt, abgelenkt wird) genug Zeit zum Lesen. Daher hier meine drei Lieblings-Geschichten des Tages (alle aus der “International Edition” des “Guardian”) und alle auch online verfügbar:
– Wissenschaftler haben rausgefunden, dass der nächste noch lebende Verwandte der Dinosaurier das Huhn ist – zumindest ähnelt sich die Haut der beiden ungemein
– In China hat ein Krokodil den Arm eines Pflegers abgebissen (Man achte auf das leckere Foto)
– Eine Teenagerin hat im englischen Durham während eines Kurzurlaubs ihrer Eltern eine “Let’s trash the average family-sized house disco party” gefeiert und gemeinsam mit über MySpace eingeladenen Massen an Teenie-Zerstörern u.a. auf das Hochzeitskleid ihrer Mutter gepinkelt, die gesamte Wohnung auseinandergenommen, vollgekotzt, sowie Geld und Schmuck geklaut. Solche Töchter wünscht man sich doch.
Und da sag mal einer, der “Guardian” wäre nicht auch eine höchst unterhaltsame Zeitung.
Danach hab ich dann noch 5-10 Minuten lang die neue “Vanity Fair” durchgeblättert (Länger braucht man für die mittelmäßigste Zeitschrift des Landes nicht). Immerhin beweist man dort auf der Leserbrief-Seite mal wieder Kritikfähigkeit. So wurden zur Sarah-Connor-Geschichte und dem bizarren Titelfoto u.a. folgende Briefe abgedruckt (Ich hoffe Franzi verzeiht mir den dreisten Klau ihrer Rubrik):
“…Erwartungsfroh gehe ich eben zu meinem Kiosk, sehe schon von Weitem meine VF an ihrem angestammten Platz liegen, greife zu – und dann: Was ist das? ‘Sarah Connor’ steht da in großen Lettern. Aber was wächst diesem umflorten Wesen da unterm Kinn? Ein unförmiges, fleischfarbenes Gebilde? Wabernde Wellen Fleisch ohne Kontur? Hat Frau Connor aus einer Laune der Natur keine Brustwarzen? Ich habe selten ein so schreckliches Cover gesehen.”
“Eine Mischung aus Brigitte Bardot und Sharon Tate? Bei allem Respekt: Die Redaktion scheint den Knall nicht gehört zu haben”