So. Tut mir leid, dass ich nun doch erst am Sonntagnachmittag dazu komme, meine Eindrücke zum Depeche-Mode-Konzert zu schildern. Am Freitag und Samstag blieb einfach keine Zeit und Ruhe dafür. Warum also war ich so enttäuscht?
Beginnen wir mit etwas Positivem: dem Bühnendesign. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben eine so dermaßen spektakuläre und umwerfende Bühne gesehen. Selbst die der vergangenen Marilyn-Manson-Tour reicht da nicht heran. Anton Corbijn hat futuristische Pulte geschaffen, auf denen die Synthesizer standen, eine riesige Kugel, auf der ständig irgendwelche Begriffe eingeblendet wurden und großen Videoleinwände, auf denen per Computer geschnittene, verzerrte und gezoomte Live-Bilder der Musiker gezeigt wurden. Allein dieser Bühne zuzuschauen, hat schon großen Spaß gemacht.
Weniger Spaß hatte ich mit den Musikern. Zunächst kamen The Bravery auf die Bühne, deren Platte mir im vergangenen Jahr ziemlich gut gefallen hatte und von denen ich live Einiges erwartete. Anscheinend war der Sound in der Frankfurter Festhalle aber so auf den Haupt-Act ausgerichtet, dass er bei The Bravery einfach nur beschissen war. Der Sänger war viel zu leise, die Instrumente auch nicht sehr passend aufeinander abgestimmt. Eine Tatsache, die den Sänger zum Zitat des Abends brachte: “Our shit’s all fucked up”. Dem war nichts hinzuzufügen.
Als Depeche Mode die Bühne betraten, war die Stimmung natürlich extrem gut. Und das sollte sich auch kaum ändern. Das Publikum bestand schließlich zu 95% aus Leuten, die aussahen, als würden sie einmal im Jahr zu einem Konzert gehen. Zu Bands wie U2, R.E.M. oder Westernhagen. Ganz egal, Hauptsache eine “Legende”. Depeche-Mode-Fans, wie man sie sich klischeehaft vorstellt, also schwarzgekleidete Menschen, hab ich nicht gesehen. Keinen einzigen. Ein Publikum also, dass begeistert war, als die Band Evergreens wie “a question of time”, “policy of truth” oder “behind the wheel” zum Besten gab. Ein paar Klassiker, okay. Das wäre zu verschmerzen gewesen, aber mir waren es eindeutig zu viele. Ich gehe zu einem Konzert, um zu sehen, welche Musik eine Band jetzt macht – und eben nicht, welche Musik sie vor 20 Jahren gemacht hat. Aber ein Publikum, das aussieht, als würde es die Wochenenden sonst auf Ü30- oder 80er-Jahre-Parties verbringen, freut sich eben über solche Musik für ewig Gestrige.
Abgesehen vom Musikalischen hat mir auch die Performance der Band nicht gefallen. Auf mich wirkte das alles zu kalt, einstudiert und emotionslos. Satte Millionäre, die gemütlich durch die Weltgeschichte fahren, ein bisschen Musik spielen und die genau wissen, dass sie sich nicht mehr sonderlich anstrengen brauchen – das Publikum wird sie ohnehin feiern, schließlich sind sie Legenden. Gahan z.B. weiß genau, dass die Leute ausflippen, wenn er sein Hemd auszieht, also macht er es auch. Ganze zwei Momente während des Konzertes haben Emotionen in mir ausgelöst. Der eine war, als Martin Gore (ich glaube es war “home”) sang und am Ende an den vorderen Rand der Bühne ging, sich feiern ließ und man ihm ansah, dass er es genoss, im Mittelpunkt zu stehen. Der andere Moment war “enjoy the silence”, meiner Meinung nach einer der schönsten Popsongs, die je geschrieben wurden. Allerdings störte mich sehr schnell, dass Zigtausende den Song von vorn bis hinten mitsangen. “all i ever wanted, all i ever needed is here in my arms. words are very unnecessary, they can only do harm”. Ich will nicht, dass der gesamte Odenwald dieses Lied mitgröhlt. Dafür ist es zu schön. Mir hatte das jedenfalls gereicht, die Zugaben brauchte ich nicht mehr, ich ging. Der Haken auf der Liste der Bands, die ich in diesem Leben noch live sehen muss, ist gemacht, Depeche Mode sollten ihre Live-Karriere nun lieber beenden. Oder mal unter falschem Namen durch kleine Clubs tingeln, um zu sehen, worauf es ankommt.