Deutschlands Medienwächter haben es dieser Tage nicht leicht. Schon wieder müssen sie öffentlich Empörung zeigen, sich beschweren und ankündigen, genau zu prüfen, denn das gehe ja nun wirklich nicht. Hätten Sie vorher mal irgendwann in die Programme der Sender geschaut, die sie eigentlich beaufsichtigen müssen, dann hätten sie sich ihre Empörung auch sparen können. Denn, seien wir mal ehrlich: Natürlich ist es eine Bankrotterklärung, wenn Sat.1 als zweitgrößtes privates Vollprogramm nun einen Großteil der eigenproduzierten Informationsprogramme streichen will und sich damit noch mehr davon verabschiedet, ernst genommen zu werden. Neu ist sowas aber auf keinen Fall. Schauen wir uns die Sachlage doch mal an: Es gibt derzeit eine Reihe von privaten Vollprogrammen in Deutschland, dazu gehören u.a. RTL, Sat.1, ProSieben, Vox, kabel eins, RTL II und DMAX. Laut Rundfunkstaatsvertrag zeichnet ein Vollprogramm Folgendes aus:
Im Sinne dieses Staatsvertrages ist [ein] Vollprogramm ein Rundfunkprogramm mit vielfältigen Inhalten, in welchem Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung einen wesentlichen Teil des Gesamtprogramms bilden.
Nun will ich hier keine wissenschaftliche Abhandlung darüber veröffentlichen, wie hoch denn der Informationsanteil dieser Vollprogramme ist. zumal wahrscheinlich schon der Begriff “Information” für mich ein ganz anderer ist, als für die Chefs von Landesmedienanstalten. Während für mich Informationsprogramme aktuell und wenigstens etwas relevant sein sollten, verstehen die Medienwächter unter “Information” wahrscheinlich auch sowas wie die “RTL II News”, eine Sendung, in der es vornehmlich um Videospiele und Popstars geht, aber eher nicht um politisch oder gesellschaftlich relevante Themen. Ich finde bei RTL II genau eine Sendung, die für mich gerade noch so als Information durchgeht: “Das Nachrichtenjournal”, das schön versteckt in der Nacht von Sonntag auf Montag zu sehen ist und wahrscheinlich auch nur aus medienrechtlichen Gründen gezeigt wird. Für mich sind Wissensmagazine, Boulevard-Reportagen-Reihen und Doku-Soaps keine Informationen, sondern reinrassige Unterhaltung, bei der man allenfalls nutzloses Wissen vermehren kann. 50 Minuten “Nachrichtenjournal” bei einer Sendedauer von 10.080 Minuten pro Woche: ein Informationsanteil von 0,5 %. Beachtlich.
Ähnlich das Bild bei kabel eins: 10 Minuten recyclte Nachrichtenbeiträge von N24 pro Tag, macht 70 Minuten Information pro Woche – 0,7 %. Wow. Und jetzt komme mir bitte niemand damit, dass Sendungen wie “Abenteuer Leben” oder gar “Bizz” irgendwas mit Information zu tun haben.
Gleiches gilt seit einem halben Jahr auch für ProSieben. Hatte man bis dahin immerhin noch eine 15-minütige Nachrichtensendung um 20 Uhr im Programm, verabschiedete man sich im Januar davon und sendet seitdem eine 10-Minuten-Alibi-Sendung mit ähnlichen recyclten N24-Beiträgen um 18 Uhr. Auch bei ProSieben macht das 70 Minuten Informationsprogramm pro Woche – 0,7 %. Und auch hier lasse ich Programme wie “Galileo” und “Wunderwelt Wissen” selbstverständlich nicht gelten.
Vox ist ein Sonderfall: Dort gibt es eine Reihe von Magazinen und Reportagen (die allerdings in den vergangenen Jahren immer flacher geworden sind) und ganze zwei (!) Nachrichtensendungen pro Tag (die allerdings fernabjeglicher relevanter Uhrzeiten zu sehen sind). Die Gründe sind u.a.: Vox ist immer noch als Vollprogramm mit Schwerpunkt auf Informationen lizensiert, zum anderen ist Alexander Kluges dctp Minderheitsgesellschafter.
Interessanterweise hat der erfolgreichste aller Privatsender – und das ist immer noch RTL – einen recht hohen Informationsgehalt. Man mag von Peter Kloeppel und “RTL aktuell” halten, was man will (Ich ertrage die Sendung beispielsweise nicht wirklich), aber sie kann wohl durchaus als Nachrichtensendung klassifiziert werden. Ähnliches gilt für das “Nachtjournal”. Zusammengenommen sind das schon 50 Minuten Information pro Werktag. Ist man dann noch gutmütig und zählt das “Spiegel TV Magazin” hinzu, kommt man auf 340 Minuten Informationsprogramme pro Woche. Immerhin 3,4 %.
Tja. Und nun also Sat.1. “Sat.1 am Mittag” und “Sat.1 am Abend”, die beiden Boulevard-Magazine, die heute schon zum letzten Mal ausgestrahlt wurden, waren keine wirklichen Informationssendungen. Wohl aber “Sat.1 News – Die Nacht”, das ebenfalls beendet werden soll. Einzig die 15-minütige “Sat.1-News”-Sendung um 18.30 Uhr bleibt übrig – ob sie ab Herbst noch 15 Minuten lang sein wird – keine Ahnung. Wenn ja, dann wären es folglich 105 Minuten Informationen im Sat.1-Programm – also immerhin 1 % der Gesamtsendezeit.
Also, Landesmedienanstalten – wo ist das Problem? Laut Eurer Definition von Information werden ja ohnehin sicher auch “Blitz”, “24 Stunden” und vor allem das “Frühstücksfernsehen” mitgezählt – und die sind ja alle nicht in Gefahr.
Aber Spaß beiseite. Letztlich wird aus der aktuellen Diskussion nur eins deutlich: Es ist ein absoluter Irrglaube, annehmen zu wollen, man könne Privatsender dazu zwingen, irgendwelche seriösen Informationsprogramme zu zeigen. Es handelt sich um Unternehmen, die je nach Gesellschafterstruktur mal mehr, mal weniger darauf setzen werden, etwas für das Image und gegen die Rendite zu tun. Dazu noch zu glauben, Landesmedienanstalten könnten etwas dafür tun, dass Privatsender seriös werden, ist noch lachhafter – die können ja nicht einmal etwas dagegen tun, dass andere Sender ihre Zuschauer betrügen. Man sollte wahrscheinlich einfach ehrlich sein und Landesmedienanstalten abschaffen. Gäbe es irgendeinen Nachteil, der dadurch entstehen würde? Ich denke nicht.
Übrigens, liebe “Spiegel Online“-Leute, es ist natürlich vollkommener Blödsinn, was ihr da schreibt, von wegen Sat.1 hätte heute “Nachrichtensendungen” abgesetzt. Es handelt sich um zwei Boulevardmagazine, von dem eins sogar nur in Teilen Deutschlands zu sehen ist war – nämlich in denen, für die keine eigenen Regionalprogramme produziert werden. “Sat.1 am Abend” lief nämlich um 17.30 Uhr – und hat reinweg gar nichts mit der Nachrichtensendung um 18.30 Uhr zu tun – auch wenn ihr das denkt. Das hätte man auch, wenn man die Minimalrecherche in einer Programmzeitschrift auf sich genommen hätte, schnell herausfinden können.